Existenzgründung im Handwerk: Teil 1 Langfristige und kurzfristige Marktentwicklung im Handwerk

Nach vielen Jahren des ständigen Wachstums ist die Corona-Krise auch am Handwerk nicht spurlos vorübergegangen. Während einige Handwerke auch im Jahr 2020 einen regelrechten Boom erleben, hat der monatelange Lockdown andere Handwerksbranchen hart getroffen. Im ersten Teil der Serie Existenzgründung im Handwerk untersuchen wir die kurzfristige Auswirkung der Corona-Pandemie und werfen einen Blick auf die langfristige Marktentwicklung der einzelnen Gewerbezweige des Handwerks.

Zusammenfassung: Die langfristige Entwicklung und die Auswirkungen der Corona-Krise fallen je nach Handwerkszweig unterschiedlich aus. Handwerkszweige mit langfristig höheren Wachstumsraten kommen tendenziell besser durch die Corona-Krise. Die Auswirkungen auf das laufende Geschäftsjahr und längerfristige Folgen können ebenfalls auseinandergehen. Durch die hohe Unsicherheit wird die Planung erschwert. Gründer sollten deshalb eine Szenario-Planung erstellen und eine Gründung evtl. vorerst zurückstellen, wenn die Planung nicht robust ist. Als Alternative zu einer Neugründung kann ein Unternehmenskauf berücksichtigt werden.

Existenzgründung im Handwerk - Marktentwicklung

Foto: Karin Schmidt | pixelio.de

Kurzfristige Marktentwicklung: Profiteure und Verlierer der Corona-Pandemie im Handwerk

Die zulassungspflichtigen und zulassungsfreien Handwerksgewerbe erzielten trotz Corona im Jahr 2020 einen um 1,1 Prozent höheren Umsatz. Somit ist das Handwerk insgesamt deutlich besser durch die Pandemie gekommen als die Gesamtwirtschaft. Aber auch im Handwerk melden fünf von sieben Gewerbegruppen rückläufige Umsatzzahlen. Nur im Bauhauptgewerbe und im Ausbaugewerbe stiegen die Umsätze.

GewerbegruppeUmsatz 2020
Veränderung zu 2019
in Prozent
Bauhauptgewerbe+ 6,2
Ausbaugewerbe+ 4,7
Kraftfahrzeuggewerbe– 1,2
Gesundheitsgewerbe– 1,8
Lebensmittelgewerbe– 2,7
Handwerke f. d. gewerblichen Bedarf– 3,1
Handwerke f. d. privaten Bedarf– 7,9

Quelle: Statistisches Bundesamt (Destatis), Beschäftigte und Umsatz im Handwerk, Fachserie 4, Reihe 7.1.

Die Zusammenfassung zu Gewerbegruppen liefert nur einen ersten Eindruck. Erst ein tieferer Blick auf die einzelnen Handwerkszweige zeigt, wie dramatisch die Lage wirklich ist. Besonders drastisch fiel der Umsatzrückgang bei den Modellbauern (minus 20,4 Prozent), den Textilreinigern (minus 19,4 Prozent) sowie den Brauern und Mälzern aus (minus 19,3 Prozent) aus. Dagegen erzielten die Zweiradmechaniker einen Rekordanstieg von 29,9 Prozent und auch Zimmerer (plus 11,2 Prozent) und Rollladen- und Sonnenschutztechniker (plus 10,4 Prozent) meldeten ein stolzes Umsatzplus.

Marktentwicklung im Handwerk Umsatz 2020 zu 2019

Langfristige Marktentwicklung im Handwerk von 2009 bis 2019

Das Statistische Bundesamt veröffentlicht regelmäßig einen Umsatzindex, bei dem der Umsatz 2009 als Referenzindex mit der Messzahl 100 dient. Für die langfristige Beurteilung benutzen wir die Umsatzmesszahl aus dem Jahr 2019, weil diese noch nicht durch die Coronakrise beeinflusst wurde. Auch hier liegt das Bauhauptgewerbe mit einer Messzahl von 144 an der Spitze und die Handwerke für den privaten Bedarf (118,8) und das Lebensmittelgewerbe (113,3) liegen auf den hinteren Rängen.

GewerbegruppeUmsatzindex
2009 bis 2019
(2009 = 100)
Bauhauptgewerbe144,0 (+44,0)
Handwerke f. d. gewerblichen Bedarf138,1 (+38,1)
Gesundheitsgewerbe129,9 (+29,9)
Ausbaugewerbe127,6 (+27,6)
Kraftfahrzeuggewerbe121,8 (+21,8)
Handwerke f. d. privaten Bedarf118,8 (+18,8)
Lebensmittelgewerbe113,3 (+13,3)

Quelle: Statistisches Bundesamt (Destatis), Beschäftigte und Umsatz im Handwerk, Fachserie 4, Reihe 7.1.

Auch bei der langfristigen Umsatzentwicklung lohnt ein Blick auf die Details. An der Spitze der Umsatzentwicklung liegen die Gebäudereiniger mit einer Messzahl von 154,5, dicht gefolgt von den Zimmerern (154,0) Galvaniseuren (152,7) und Uhrmachern (151,0). Die rote Laterne tragen die Fotografen (85,0) und Informationstechnikern (99,5), deren Umsatz von 2009 bis 2019 sogar rückläufig war.  Weitere Branchen mit einem schwachen Wachstum sind Drucker (101,3), Schuhmacher (102,0), Zahntechniker (108,2), Fleischer (108,3) Glaser (109,0), Maßschneider (109,1) und Friseure (109,4).

Marktentwicklung im Handwerk Umsatz, indiziert 2009 bis 2019

Zusammenhang zwischen langfristigem Wachstum und Corona-Auswirkungen

Betrachtet man alle 40 aufgelisteten Handwerksgewerbe ist statistisch ein Zusammenhang zwischen langfristigem Wachstum und kurzfristigem Wachstum im Krisenjahr 2020 feststellbar. Das Maß dafür ist der Korrelationskoeffizient, der mit 0,31 aber relativ gering ausfällt. Einzelne Gewinner und Verlierer können wir aber ausmachen.

Gewinner: Einige Handwerkszweige, die vor der Corona-Krise ein überdurchschnittliches Umsatzwachstum aufwiesen, sind auch gut durch das Krisenjahr 2020 gekommen. Dazu gehören (mit Ausnahme der Glaser) alle Handwerkszweige des Bauhaupt- und Ausbaugewerbes. In den anderen Gewerbegruppen ist kein eindeutiger Zusammenhang zwischen langfristigem Wachstum und Krisenresistenz feststellbar. Zu erwähnen sind die Landmaschinenmechaniker, die Müller und Steinmetze.

Verlierer: Zu den langfristig schwach wachsenden Handwerkszweigen mit einem deutlichen Umsatzrückgang im Jahr 2020 gehören die Drucker, die Schilder- und Lichtreklamehersteller, die Zahntechniker, die Friseure, die Maßschneider, die Schuhmacher und die Fotografen.

Handlungsempfehlungen für Gründer

In der derzeitigen Situation herrscht eine große Unsicherheit. Wirken die Impfungen? Wann ist wieder ein “normales” Leben möglich? Verändert sich die Nachfrage nachhaltig? Es bräuchte schon eine Glaskugel um diese Fragen verlässlich zu beantworten. Die Unsicherheit ist hoch und die Planung wird dadurch erschwert. Trotzdem müssen Existenzgründer (Unternehmensgründung oder Übernahme) im Businessplan die Umsatzgewinne oder Umsatzeinbrüche aus 2020 auch für 2021 berücksichtigen. Für eine längerfristige Umsatzplanungen müssen Sie einschätzen, ob die Corona-Pandemie einmalige Effekte verursacht hat, oder ob die Entwicklung dauerhaft ist. Wie unterschiedlich die Prognosen sind, zeigen folgende Beispiele:

  • Die Zahntechniker verzeichneten 2020 einen Umsatzrückgang von 4,7 Prozent. Auch 2021 werden die Umsätze wahrscheinlich negativ beeinflusst, da viele Menschen aus Angst vor einer Ansteckung nur in dringenden Fällen zum Zahnarzt gehen. Ab 2022 kann mit einem Nachholeffekt gerechnet werden, weil dann die aufgeschobenen Behandlungen nachgeholt werden müssen.
  • Die Friseure mussten 2020 und 2021 für mehrere Monate schließen. Es gab zwar unmittelbar nach dem Ende des Lockdown einen kurzfristigen Run, aber langfristig ist kein Nachholeffekt zu erwarten.
  • Die Steinmetze und Steinbildhauer profitierten von der erhöhten Sterblichkeit und erzielten ein Plus von 6,7 Prozent. Mit dem Abklingen der Pandemie ist diese “Sonderkonjunktur” nicht nachhaltig, das Umsatzwachstum wird wahrscheinlich wieder langsamer.
  • Im Bauhaupt- und Ausbaugewerbe ist die Nachfrage hoch. Auch die Prognosen für die nächsten Jahre sehen gut aus, der Einfluss der Pandemie ist eher gering.

Tipp 1: Szenario-Planung erstellen

Im Businessplan können Existenzgründer auch in Zeiten großer Unsicherheit mit einer Szenario-Planung unterschiedliche Prognosen berechnen. Sie erkennen dann, ob auch unter ungünstigen Rahmenbedingungen eine tragfähige Existenzgründung wahrscheinlich ist.

  • Ein optimistisches Szenario rechnet mit einer schnellen Normalisierung ab dem zweiten Halbjahr 2021. Eine nachhaltige Verschiebung der Nachfrage wird nicht erwartet, evtl. gibt es sogar positive Nachholeffekte.
  • Ein realistisches Szenario geht von einer langsamen Normalisierung aus. Es braucht mehrere Quartale, bis die Umsätze wieder ein Vorkrisenniveau erreichen.
  • In einem pessimistischen Szenario wird nicht mit einer vollständigen Erholung gerechnet. Die Umsatzeinbrüche können kurzfristig nicht aufgeholt werden, da sich das Verbraucherverhalten nachhaltig verändert hat und es braucht mehrere Jahre, bis das Vorkrisenniveau wieder erreicht wird.

Wenn Sie nur unter optimalen Bedingungen mit einem tragfähigen Ergebnis rechnen, sollten Sie die Gründung vorerst zurückstellen.

Tipp 2: Kaufen statt Gründen

Momentan ist die Suche nach einem Nachfolger schwierig, da die Nachfrage verhalten ist. Bei Unternehmensverkäufen im Handwerk wird meist ein “Praktiker-Verfahren” eingesetzt, dass den Kaufpreis mit Hilfe der bereinigten Betriebsergebnisses (EBIT) der letzten drei bis fünf Jahre berechnet. Dieses Mittel wird dann mit einem branchenüblichen Faktor multipliziert (EBIT-Multiples). Ein etwas aufwändigeres Verfahren ist das von den Handwerksberatern entwickelte AWH-Verfahren, dass neben dem bereinigten EBIT auch branchen- und betriebsindividuelle Risiken berücksichtigt. Wegen der schlechten Ergebnisse aus dem Jahr 2020 und gestiegener Risiken ermitteln beide Verfahren derzeit geringere Kaufpreise. Deshalb verschieben einige Betriebe derzeit eine eigentlich für die nähere Zukunft geplante Nachfolge. Lediglich ältere Unternehmer, die mit der Übergabe nicht länger warten können oder wollen, halten an den ursprünglichen Plänen fest, müssen dafür aber Preiseinbußen in Kauf nehmen.

Ein Unternehmenskauf kann eine echte Alternative zu einer Neugründung sein. Käufer sind derzeit in einer guten Verhandlungsposition. Dazu kommen die Vorteile einer Übernahme: Es existiert bereits ein Kundenstamm und ein eingespieltes Mitarbeiter-Team. Allerdings müssen auch hier die Zukunftsaussichten des Betriebes geplant werden.

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2 Kommentare

  1. Leopold Müller

    Guter Beitrag zur Existenzgründung im Handwerk. Es ergibt wirklich Sinn, die Szenario-Planung dabei durchzuführen, da dieses sowohl optimistische als auch realistische und pessimistische Marktentwicklungen berücksichtigt. Ich bin Schreiner und überlege auch zu gründen, deswegen recherchiere zu dem Thema.

  2. Stefan (EC Unternehmensberatung)

    Vielen Dank, Herr Müller und viel Erfolg bei der Gründung. Falls Sie Fragen haben, stehe ich Ihnen gerne zur Verfügung.

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